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Tales from a lost world: 60ies Hollywood

2. Januar 2009

Unglaubliche Geschichten erzählt Roger Corman in der Zeit:

The Terror ist der verrückteste Film, den ich je gedreht habe. Er entstand nur, weil es an einem Sonntag regnete. Ich verfilmte gerade Poes Der Rabe und wollte an meinem freien Tag Tennis spielen. Da es schüttete, saß ich zu Hause und sagte mir: »Verdammt, da stehen diese gigantischen Sets von Der Rabe herum, warum benutzt du sie nicht einfach für einen weiteren Film?« Ich kritzelte frei nach Poe eine Handlung auf eine Serviette und rief einen Kumpel an. Er sollte in fünf Tagen ein Drehbuch schreiben. Am nächsten Morgen klopfte ich an Boris Karloffs Garderobentür und fragte ihn, ob er nach Drehschluss noch bei einem anderen Poe-Film mitmachen könnte. Er sagte zu, Dick Miller auch. Jack Nicholson übernahm die männliche Hauptrolle und schlug seine Frau Sandy für die weibliche Hauptrolle vor. Nun konnte ich nicht selbst Regie führen, da ich aus gewerkschaftlichen Gründen eine voll bezahlte Crew hätte anheuern müssen. Also übernahm mein Assistent Francis Ford Coppola die Regie. Nach ein paar Tagen hatte er aber einen anderen Job, und Monte Hellman machte weiter. Als der weg musste, übernahm der nächste Regisseur und so weiter. Schließlich war nur noch ein Drehtag übrig. Da sagte Jack Nicholson zu mir: »Roger, jeder verdammte Idiot in Hollywood hat bei diesem Film Regie geführt, lass mich bitte den letzten Tag übernehmen.« So kam es dann auch. Aber dann mussten wir alles schneiden. Leider hatten all diese Regisseure völlig verschiedene Stile in den Film gebracht, die zusammen überhaupt keinen Sinn ergaben. Noch dazu war die Handlung völlig bescheuert. Ich zerbrach mir den Kopf, wie man das alles doch noch retten konnte. Inzwischen hatten wir aber schon mit den Dreharbeiten zum nächsten Poe-Film Die Maske des Roten Todes begonnen. Nachts nach Drehschluss brachte ich Jack Nicholson, seine Frau Sandy und Dick Miller zusammen und drehte mit ihnen in den Sets von Die Maske des Roten Todes drei Stunden lang zwei zusätzliche Szenen für The Terror, die Licht in die Handlung bringen sollten. In einer dieser Szenen wirft Nicholson Miller gegen eine Wand und schreit: »Man hat mich belogen, seit ich in diesem Schloss bin! Sage mir endlich, was hier vorgeht!« Dann erzählt Dick die Geschichte noch einmal nach, sodass alles endlich zusammenpasst. Naja, nicht wirklich. Boris Karloff war sehr erstaunt, durch die Zusatzszenen zu erfahren, dass der Baron, den er spielt, gar kein echter Baron war. Das Verrückteste aber war, dass wir ziemlich gute Kritiken bekamen. Die Kritiker waren so sehr damit beschäftigt, herauszufinden, worum es in The Terror geht, dass sie nicht merkten, wie schlecht der Film war.

Sowas geht doch heute gar nicht mehr, oder?

Lesen und staunen.

Atheistischer Filmtipp: “Tatsächlich … Liebe”

22. Dezember 2008

Eine Schmuseschmonzette als Statement gegen die Vereinnahmung des Menschen durch die Religion und über die Zukunft von Weihnachten.

Ich schaue nicht gerne romantische Komödien. Zu viel Schrott wurde dort bereits gedreht, zu viele Süßholz-Stücke versendet, zu oft habe ich mich ob der schauspielerischen und dramaturgischen Schwächen fremdgeschämt. Neulich überredete mich meine Liebste trotzdem, den Film “Tatsächlich … Liebe” (Love actually, USA, UK, 2003, Regie und Drehbuch Richard Curtis) anzuschauen. Und ich muss sagen: Neben der Tatsache, dass dieser Film durchaus gut gemacht ist, kaum Längen hat und seine zuckersüß klebende Botschaft nicht allzu zahnschmerzend verbreitet, ist es auch ein zutiefst atheistischer Film, der endlich versucht, die Weihnachts-Folklore von ihrer christlichen Betonschicht zu befreien und es als das darzustellen, was es ist.

Ein Fest der Familie in einer individualisierten Gesellschaft.

Vordergründig sehen wir einige Geschichten Londoner, die sich in der Weihnachtszeit mit Verwirrungen des Herzens herumplagen müssen. Der neue Premierminister verliebt sich in eine Angestellte; ein Chef mit Frau und Familie weiß nicht, was er von den Annäherungsversuchen seiner Sekretärin halten soll; ein abgehalfteter Rockstar versucht noch einmal einen Weihnachtshit zu landen und erkennt, wie schlecht er seinen treuen Manager all die Jahre behandelt hat; ein frisch verwitweter Vater geleitet seinen Sohn durch die erste große Liebe; etc. pp.

Alles, wie gesagt, einigermaßen unterhaltsam verbunden und erzählt, am Ende, Heiligabend, treffen alle Charaktere in einer Schule beim Krippenspiel zusammen. Und bei diesem Krippenspiel wurde mir klar: Obwohl es sich um einen Weihnachtsfilm handelt hatte ich bisher, in über 90 Minuten, nicht ein Mal die Worte “Christentum”, “Jesus”, “Bibel”, “Weihnachtsgeschichte”, “Heilige drei Könige” usw. gehört. Selbst beim erwähnten Krippenspiel ist einiges anders. Statt heiliger drei Könige kommen Hummer und Kraken zum Einsatz. Es werden keine heiligen Lieder gesungen sondern “All I Want For Christmas” von Mariah Carey.

Wir halten fest: Ein Weihnachtsfilm ohne die übliche Weihnachtsfolklore. Auf den ersten Blick auch klar, schließlich gibt es im Vereinigten Königreich eine große Gemeinde von Moslems, Sikhs, Hindus usw. Und auch die sollen natürlich ins Kino kommen, sich wohlfühlen und die Kassen klingeln lassen. Außerdem ist Political Correctness sowohl in UK und USA sehr wichtig.

Man kann es aber auch so sehen: Der Film propagiert ein Bild von Weihnachten, dass in den meisten Familien bereits weitgehend gelebt wird und das sich auf die Punkte Familie und Konsum reduzieren lässt.

Es ist fünf Euro für’s Phrasenschwein wert, von unserer Gesellschaft als individualisiert zu sprechen. Familie spielt im Alltag nicht mehr die wichtigste Rolle. Die eigene Entfaltung und der Beruf stehen noch vor ihr. Familie ist für’s Herz und Weihnachten ist das Fest: Endlich wieder Geborgenheit, wieder Kind sein, Süßigkeiten essen, Geschichten von Oma anhören. Und natürlich Geschenke verschenken. Das ganze Jahr arbeiten wir, um das Wichtigste zu verdienen: Geld. An Weihnachten können wir es für unsere Familie und Freunde ausgeben. Das Fest ist hierfür reserviert.

Klar, die Bedeutung, die Herkunft von Weihnachten ist eine andere. Und viele sehen sich auch heute noch verpflichtet, in dieser Zeit in die Kirche zu gehen. Ich denke aber, dies ist auch nur eine Teil der oben beschriebenen neuen Tradition. Es ist wie früher, es ist warm im Herz.

Das ist es, was der Film zeigt: An Weihnachten ist die kalte Welt (und im Winter noch kälter!) ein bisschen wärmer. Denk an deine Familie, kaufe für sie ein, mach dir Gedanken und dann triff dich mit ihr. Egal ob du Christ bist, Moslem, Jude, Shintoist oder was auch immer: Mach mit. Es ist ein globales Fest, es ist ein Konsumfest. Dein Herz braucht deine Familie, die Wirtschaft braucht dich. Mach mit.

Vielleicht wird man in 50 Jahren “Tatsächlich … Liebe” als ersten Lehrfilm eines globalen Atheismus sehen. Aber auch nur vielleicht.

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